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DGEG - Deutsche Gesellschaft für Eisenbahngeschichte e. V.
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Klicken zum VergrößernMord in Klein Flottbek

Der 10. November 1906 ist ein Samstag. Der Zahnarzt Dr. Claussen hat seine Praxis verlassen und steigt in Altona in ein leeres Abteil 2. Klasse des Vorortzuges, der ihn zu seiner Familie nach Blankenese bringen soll. Kurz vor Abfahrt des Zuges steigt ein junger, gepflegter, höflicher Mann ein. In Bahrenfeld und Groß Flottbek (heute Othmarschen) steigt niemand zu den beiden Männern ins Abteil. Kurz nach der Abfahrt in Groß Flottbek zieht der junge Mann ein Beil aus der Hose, schlägt viele Male auf den Arzt ein, beraubt ihn und verlässt in Klein Flottbek den Zug.

Der blutbefleckte junge Mann fällt dem Schaffner an der Sperre natürlich auf. Der Täter gibt Nasenbluten an, der Bedienstete glaubt ihm und lässt ihn passieren, kann aber später eine gute Beschreibung des Verdächtigen liefern. Erst als der Zug in Blankenese einfährt, wird der Tote endeckt. Bald sucht die Polizei den Täter mit Aushängen und hoher Belohnung. Zeugenaussagen führen auf die richtige Spur, am 13. November wird Thomas Rücker verhaftet, verstrickt sich in Widersprüche, schließlich gesteht er den Mord.

Klicken zum VergrößernAlles andere blieb ein Rätsel. Rücker hatte sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Er hatte zuletzt als Gärtnergehilfe und in einer Eisenwarenhandlung gearbeitet, war zum Zeitpunkt der Tat allerdings arbeitslos und mittellos. Nach eigenen Angaben litt er Hunger. Warum er nicht einfach Mundraub beging oder seine vermögenden Eltern um Geld bat oder auch seine Vermieter, die ihn schätzten, bleibt unklar. Nach Rückers späterer Aussage wollte er seinen Eltern keine Schande machen. Stattdessen beschloss er einen Raubmord im Zug nach Blankenese: Samstagnachmittags war weniger Leute unterwegs, und wer ins noble Blankenese reiste, war sicher wohlhabend. Für die Fahrkarte lieh er sich bei seinen Vermietern das Geld, um das er sie kurz zuvor nicht hatte bitten wollen ...

Der Täter war geständig, der Prozess begann schon rund zwei Monate nach der Tat. Da Rücker mit siebzehn Jahren noch minderjährig war, kam das Jugendstrafrecht zur Anwendung, Rücker wurde nicht zum Tode verurteilt, sondern zu fünfzehn Jahren Gefängnis. Juristisch war der Fall abgeschlossen.

Alle anderen Fragen blieben offen.


Bild oben: Rückseite der Ansichtskarte Thomas Rücker. Bild unten: Der heutige Bahnhof Klein Flottbek, ein Idyll im Grünen. | Foto Rainer Kolbe, September 2018

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Zuletzt aktualisiert von Rainer.Kolbe am 09.10.2018, 14:09:41. | Verbesserungsvorschlag oder Fehlermeldung